Schäfchen zählen auf dem Nil

Es war schwer dem Barkeeper klar zu machen, dass ich heute ein paar tausend Kilometer zurück gelegt hatte. Er wollte mir händeringend noch eine weitere Dose Bier verkaufen. Aber ich hatte eher das Gefühl, dass diese Eine schon zu viel war. In meiner Kabine holte mich jedoch wieder mein altes Problem ein: Die ganz und gar nicht schlafverträglichen Motorgeräusche der M/S Concerto und der anderen, in der Nähe ankernden Schiffe.
Jetzt fängt draußen irgendwo auch noch jemand an ägyptische Lieder zu singen. Na ja, ich nutze die Gelegenheit um mein Reisetagebuch mit diesen Worten zu füllen. Da, plötzlich und unerwartet: Die Motoren werden herunter geschaltet, uff. Wahrscheinlich ist Schlafenszeit und der Generator muss nun weniger Strom erzeugen. Ich notiere in meinen Unterlagen "jetzt ist es nur noch laut, nicht mehr extrem laut".
Ich kontrolliere das Schiebefenster der M/S Concerto. Das kann alles andere als dicht sein, denn auch Dieselgeruch ist in der Kabine deutlich wahrnehmbar. (Der Mann von dem Ehepaar aus Stuttgart berichtete mir später irgendwann beim Essen, er hätte einen Trick gefunden, um die fixierte Hälfte des Schiebefensters besser abzudichten).
Wie dem auch sei. Es ist mittlerweile 23:15 Uhr und wir werden morgen um Punkt 7:00 Uhr geweckt. Dann geht es zum Frühstück und anschließend zur Besichtigung des Dendera-Tempels. Obwohl dies meine dritte Nilkreuzfahrt ist, habe ich den Tempel nie zuvor gesehen. Er liegt 60 km nördlich von Luxor und die Nilkreuzfahrtschiffe fahren eigentlich von dort aus nicht weiter Richtung Norden. Daher wird die Besichtigung -wenn überhaupt- von Luxor aus per Bus gemacht.
Ahmed verkaufte den Trip beim Abendessen für 20 Euro. Der Dendera-Tempel gehörte schon im ältesten Ägypten zu den heiligen Orten. Er soll außerdem erstaunlich gut erhalten sein.
Ich lösche das Licht und quäle mich noch ein wenig mit der Geräuschkulisse herum. Irgendein Schiff in der Nähe hat die Motoren nun wieder hochgeschaltet. Und Dieselgeruch liegt ebenfalls immer noch in der Luft. Na ja, wäre alles perfekt, würde dieser Reise der Reiz des Abenteuers fehlen. Außerdem wird das mein letzter Abend in der Kabine 429 sein.
Dennoch: Alles in Allem ein schöner Tag.